Totenkopf mit einer beigen Mütze aus Cord und Kastanien in den Augenhöhlen auf einem Schreibtisch auf Burg Bernstein (c) Foto Archiv Almásy

Ein Totenkopf, ein Zahnarzt & eine wirklich gute Geschichte

Der unbekannte Ritter auf Burg Bernstein

Burg Bernstein, Burgenland, Österreich

Wenn Mauern sprechen könnten…

…sie hätten viel zu erzählen. In den Schlosshotels wurde geliebt, verhandelt, gefeiert, gestritten. Entscheidungen nahmen hier ihren Anfang, Feste ihren Höhepunkt, Abschiede ihren stillen Moment. Zurück bleiben Geschichten. Legenden. Spuren von Augenblicken, die weit über ihre Zeit hinausreichen.

Burg Bernstein im Hintergrund auf einem Hügel, mit einer saftigen Wiese im Vordergrund (c) Foto Archiv Almásy

800 Jahre Geschichte. Und tausende Geschichten.

Seit über 800 Jahren steht die Burg Bernstein im Burgenland und ist das Zuhause zahlreicher solcher Erzählungen. Sie verstecken sich hinter den alten Mauern, ziehen durch knarrende Stufen, zeigen sich in kleinen, unscheinbaren Details. „Jeder Winkel erzählt eine Geschichte“, so Erasmus Almásy, Gastgeber der Burg Bernstein.

Manche haben weit über die Burg hinaus Bekanntheit erlangt – wie jene von László Almásy, die später als Vorlage für „Der englische Patient“ weltbekannt wurde. Andere bleiben näher am Haus: „Die Sonnenuhr“, „Graf Dracula“ oder „Die Fälscherin“, deren kleiner Scherz es sogar bis in den ORF geschafft hat. Geschichten, die bis heute lebendig sind. Die zum Lachen bringen, zum Staunen, manchmal auch zum Nachdenken. Weil Gastgeber wie Erasmus Almásy da sind, die sie bewahren und weitererzählen – und ihren Gästen damit die Möglichkeit geben, für einen Moment Teil davon zu werden.

Gastgeber auf Burg Bernstein, Erasmus und Johanna (c) Foto Burg Bernstein, Hollunder

„Der unbekannte Ritter auf Burg Bernstein“, erzählt von Erasmus Almásy:

„Diese Geschichte beginnt mit einem Ahnherrn der Familie Almásy, der – so erzählt man sich – bei einem Spaziergang über ein ehemaliges Schlachtfeld einen menschlichen Schädel fand. Er nahm ihn mit, stellte ihn auf seinen Schreibtisch, und dort blieb er. Als der Ahnherr verstarb, wurden seine Gemächer in eine Gästesuite, die „Pascha Suite“, umgewandelt. Der Schädel jedoch blieb an seinem Platz.

Totenkopf mit einer Mütze aus Cord (c) Foto Archiv Almásy
Wohnraum auf Burg Bernstein mit antikem Schreibtisch mit Stuhl, davor eine Chaise Longue, dahinter an der Wand zwischen zwei Fenstern ein Bücherschrank (c) Foto Archiv Almásy

Viele Jahre später, nach einigen Gläsern Wein und sichtlich auf der Suche nach etwas Mut, trat ein Stammgast auf uns zu, um uns etwas zu beichten. „Sie wissen ja, ich wohne immer in der Pascha Suite“, begann er etwas verlegen. „Und mir als Zahnarzt ist natürlich gleich das Gebiss dieses Schädels aufgefallen. Jedes Jahr, wenn ich zurückkomme, fehlen diesem armen Kerl wieder ein paar Zähne.“

Das ließ uns kurz innehalten. Denn da sich kein Tier für Zähne interessiert, konnte das nur eines bedeuten: Mancher Gast hatte sich wohl ein ganz besonderes Souvenir mitgenommen – nämlich einen Zahn des armen Totenkopfes. Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende.

„Mir tat der Kerl leid“, fuhr unser Stammgast fort, „und so habe ich jedes Mal aus meiner Ordination die schönsten und prächtigsten Exemplare meiner Patienten mitgebracht, um das Gebiss wieder aufzufüllen.“ Mit jedem Satz wurde diese Geschichte abstruser. Wie lange das denn schon so gehe, wollten wir wissen. „Ungefähr 20 Jahre“, war die verblüffende Antwort.

Wir wussten nicht, was uns mehr überraschte – die verschwundenen Zähne oder ihre ebenso ungewöhnliche Rückkehr. Sicher war nur: In unserem eigenen Haus spielte sich über zwei Jahrzehnte eine Geschichte ab, von der wir keine Ahnung gehabt hatten.

Wir nahmen es dem Stammgast nicht krumm und luden ihn kurzerhand auf eine weitere Flasche Wein ein, um das „Geständnis“ zu begießen. Insgeheim freute es uns sogar, dass all jene, die frech genug waren, dem armen Schädel einen Zahn zu entnehmen, heute wohl nicht das Gebiss des unbekannten Ritters zu Hause haben, sondern lediglich den Weisheitszahn eines ehemaligen Patienten.“

Nächtliches Gewitter über Burg Bernstein mit einem beeindruckenden Blitz (c) Foto Archiv Almásy

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Ernst und Augenzwinkern, die solchen Geschichten ihre Bedeutung gibt. Über Generationen weitergetragen, verändert, manchmal ein wenig verdreht – und gerade deshalb nie ganz gleich. Es sind die Gastgeber, die sie weitererzählen und lebendig halten. Und die dafür sorgen, dass aus einem alten Schädel, einem Zahnarzt und einer Flasche Wein eine wirklich gute Geschichte wird.

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